Auf den ersten Blick war und ist bei der Entwicklung einer Exit-Strategie aus den Corona-Beschränkungen kein strukturiertes Vorgehen von Bundesländern und -regierung zu erkennen. Allein schon die Regelungen, wann und wie der Präsenzunterricht an den Schulen wieder starten sollte, erinnerte an das bekannte Bild der deutschen Kleinstaaterei des 18. Jahrhunderts.

Doch der genauere Blick zeigt etwas anderes. Der deutsche Föderalismus stellt die ideale Basis für das Feintuning einer Exit-Strategie her. Denn Lockerungen, die in Mecklenburg-Vorpommern mit seinen geringen Fallzahlen sinnvoll sind, können in den Hotspots Bayern oder Baden-Württemberg verheerend sein. Übrigens ist auch das negative Bild der Kleinstaaterei eher das Ergebnis der nationalen Euphorie unter und nach Bismarck und entspricht nur bedingt der Wirklichkeit.

Eine allgemeingültige Zauberformel für einen Exit kann es daher nicht geben. Zumal neben den regionalen Besonderheiten auch zahlreiche Unbekannte eingerechnet werden müssten. Covid-19 ist für die Menschheit Neuland – Ableitungen aus anderen Krisen sind nur bedingt möglich. Die Entwicklungen in Gütersloh, Göttingen oder Berlin zeigen, wie fragil der aktuelle Zustand ist.

Dennoch müssen Leitplanken gefunden werden, wie Wirtschaft, Kultur, Bildung und natürlich auch Freizeit wieder hochgefahren werden können. Diese Leitplanken hängen von der Taktik ab, wie mit dem Virus umgegangen werden soll. Nach „flaten the curve“ und Herdenimmunität scheinen die politisch Verantwortlichen im Augenblick den Corona-Virus durch moderatere Schutzmaßnahmen in Schach halten zu wollen.

Dies bedeutet, dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben – zumindest bis es einen zuverlässigen Impfschutz gibt und wirksame Medikamente gegen die Krankheit Covid-19 gibt. Mundschutz, Abstandsgebote sowie ähnliche Regelungen werden uns lange Zeit begleiten. Vielleicht bedeutet dies auch, dass die Gesellschaft eine höhere Zahl an Toten in Kauf nehmen muss.

Vor allem letzteres klingt hart. Aber wenn zu viele Alte an ihrer Einsamkeit verzweifeln, zu viele Kinder in den Wohnungen durchdrehen oder kleine Ladengeschäfte ihre Existenz verlieren, muss dies eine demokratische Regierung einfach in ihr Handeln einbeziehen. Gleichzeitig muss aber in einer wie auch immer gearteten Exit-Strategie die Sicherung der medizinischen Grundversorgung weiterhin an vorderster Stelle stehen.