Island, Schottland, Wales und Neuseeland haben sich von einem Dogma verabschiedet: dem kontinuierlichen Wachstum als zentralem Ziel einer Volkswirtschaft. Gemeinsam bilden die vier Staaten seit wenigen Jahren die Gruppe der „Wellbeing Economy Governments“, also der „Regierungen der Ökonomie des Wohlergehens“. Diese wollen künftig nicht mehr die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den Fokus rücken, wie es bisher üblich ist. Stattdessen sollen Indikatoren wie etwa Lohngleichheit, Zufriedenheit der Kinder, Zugang zu Grünflächen und bezahlbaren Wohnungen in den Mittelpunkt rücken. Nur so könne man Herausforderungen wie dem Klimawandel oder einer überalternden Bevölkerung begegnen.

Dieser Paradigmenwechsel ist keineswegs ein Denkkonstrukt von Utopisten. Vielmehr passt er zu einer seit einigen Jahren laufenden Neuausrichtung, die auf den Kapital- und Investorenmärkten zu beobachten ist. Immer seltener interessieren sich potentielle Investoren für die klassischen Kennzahlen, mit denen Ratingagenturen wie Moody’s, Standard & Poor’s oder Fitch Unternehmen bewerten. Wer heute Investoren überzeugen will, muss vielmehr Bestwerte in Bereichen wie Umwelt, Soziales und Unternehmensführung vorweisen können. Weltweit steigt die Nachfrage nach solchen nach den englischen Begriffen Environment, Social und Governance benannten ESG-Investments auf den Märkten. Vergangenen September hat die Großbank UBS bereits solche Anlagen zur Basisoption für vermögende Kunden gemacht. Wer anderes will, muss dies explizit einfordern.

Einige Experten schätzen, dass in fünf Jahren bereits mehr als die Hälfte des Anlagekapitals nach nachhaltigen Grundsätzen investiert sein wird. Indes wäre es naiv, zu glauben, dass dieser Schwenk allein am Interesse an Nachhaltigkeit geschieht. Natürlich geht es weiter ums Geld verdienen. Jedoch haben Dieselgate oder die Vorgänge um Wirecard gezeigt, dass klassische Leistungswerte wie Rendite oder Umsatzwachstum keinen angemessenen Return-on-Invest garantieren – wenn überhaupt. Ein gutes ESG-Rating scheint als langfristiger Indikator deutlich besserer geeignet, wenn darum geht, Firmenskandale zu meiden oder nicht von den Kunden wegen unethischer Umtriebe der Portfoliofirmen kritisiert zu werden. Selbst der weltgrößte Vermögensverwalter, Blackrock, rückt daher ESG-Kriterien immer stärker in den Vordergrund. In einem Brief an Unternehmen hat Larry Finck, Vorstandsvorsitzender von Blackrock Anfang des Jahres 2020 betont, dass nachhaltige und klimabewusste Portfolios Anlegern bessere risikobereinigte Renditen böten. Künftig macht der Vermögensverwalter Nachhaltigkeit zu einem wesentlichen Bestandteil der Portfoliokonstruktion und des Risikomanagements. Von Anlagen, die ein erhebliches Nachhaltigkeitsrisiko darstellten, wie zum Beispiel Wertpapiere von Kohleproduzenten, will sich Blackrock nach und nach trennen beziehungsweise sollen Investments etwa in fossile Brennstoffe in neuen Anlageprodukten gar nicht erst vorkommen.